Muttertag: Zahlreiche Schnittblumen im Handel mit Pestiziden belastet
Stand: 09.05.2026 • 10:31 Uhr
Viele Schnittblumen, wie Rosen, Tulpen oder Chrysanthemen stammen aus Ländern mit laxen Pestizidregeln. Rückstände von Chemikalien sind vielfach nachweisbar – einige sind beim Gartenbau in der EU längst verboten.
- viele Blumen in deutschen Geschäften stammen aus Kenia, Äthiopien, Kolumbien oder Ecuador
- in den Ländern gelten weniger strenge Regeln für den Einsatz von Pestiziden
- importierte Schnittblumen sind zum Teil mit Stoffen belastet, die in der EU verboten sind
- deutsche Unternehmen exportierten zuletzt jährlich 13.000 Tonnen von der EU verbotene Pflanzenschutzmittel in Drittstaaten
- BUND warnt vor Gesundheitsrisiken für Erntehelfer:innen und Florist:innen
Nicht alles, was die EU wegen möglicher Gesundheitsgefahren verbietet, verschwindet auch. Manches kommt auf Umwegen wieder zurück. Pflanzenschutzmittel zum Beispiel, die hier längst nicht mehr eingesetzt werden dürfen, landen am Muttertag wieder auf Wohnzimmer- oder Esstischen – in Form von Rosen, Tulpen oder Chrysanthemen.
Schnittblumen, die ihre Köpfe aus Wassertöpfen in Berliner und Brandenburger Geschäften strecken, kommen selten aus Deutschland – und oft auch nicht aus der EU. Ihre Reise beginnt meist tausende Kilometer entfernt, in Kenia, Äthiopien, Kolumbien oder Ecuador, wo auf riesigen Plantagen das ganze Jahr über Sorten wachsen können, die später auch in Berlin und Brandenburg angeboten werden, wie Corinna Hölzel vom BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) rbb|24 sagt. „Klimatisch sind südlichere Länder für den Anbau von Schnittblumen prädestiniert, allerdings gibt es dort für den Einsatz von Pestiziden häufig kaum Regeln oder Kontrollen. Unter anderem werden dann Chemikalien eingesetzt, die hier längst verboten sind, etwa weil sie Mensch und Umwelt gefährden“, sagt Hölzel.
Hinzu kommt, dass Rosen, Tulpen und Co. in diesen Ländern oft in großen Monokulturen angebaut werden. Pilze und Insekten breiten sich auf diesen Flächen besonders leicht aus, sagt Hölzel. Also wird gespritzt. „Häufig werden Substanzen eingesetzt, die in Europa als zu gefährlich gelten, weil sie die Fruchtbarkeit schädigen können, auf den Hormonhaushalt wirken, giftig sind für Bienen, Vögel und Wasserorganismen“, sagt Hölzel. Manche dieser Stoffe seien so langlebig, dass sie sich über Jahre im Boden und im Wasser halten.
Niederlande als Drehkreuz im globalen Blumenhandel
Die Chemikalien treten als unsichtbare Begleiter der Blumen eine Reise an: Über Flughäfen geht es oft zuerst in die Niederlande, Europas Drehkreuz im globalen Blumenhandel. Das niederländische „Centre for the Promotion of Imports“ (CBI) beschreibt Europa als einen Markt, der stark von Importen aus dem globalen Süden abhängt, insbesondere aus Ostafrika und Lateinamerika. Die Niederlande fungieren dabei als eine Art Verteilzentrum: Hier werden Blumen gehandelt, versteigert und innerhalb weniger Stunden in ganz Europa verteilt. Vor allem in der Stadt Aalsmeer, wo die „Royal Flora Holland“ [royalfloraholland.com] sitzt, eine der größten Blumenhandelsplattformen der Welt.
Händler können in den Auktionen der Royal Flora Schnittblumen in riesigen Mengen noch am Tag ihrer Anlieferung kaufen und weiter verschicken – etwa an Großmärkte in Deutschland, von denen viele Blumenhandlungen ihre Waren beziehen.
Tatsächlich ist die Einfuhr von pestizidbelasteten Blumen auf EU-Ebene erlaubt: Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt es keine rechtlichen Regelungen bezüglich der Rückstände von Fungiziden oder Insektiziden auf Schnittblumen – anders als bei Pflanzen, die für den Verzehr importiert werden.
Deutschland weltweit zweitgrößter Blumenimporteur
Im Geschäft mit Schnittblumen geht es um viel Geld – vor allem in Deutschland. Daten der Plattform „Trend Economy“ [trendeconomy.com]zufolge war die Bundesrepublik 2023 nach den USA der zweitgrößte Blumenimporteur der Welt. In dem Jahr summierten sich die Importe auf gut eine Milliarde Euro.
Das Marktforschungsinstitut Yougov hat errechnet, dass im Jahr 2025 Blumenkäufer in Deutschland im Schnitt 64,64 Euro für Schnittblumen ausgegeben haben. Auf Rosen entfielen 42 Prozent der Gesamtausgaben, gefolgt von Tulpen (13 Prozent) und Chrysanthemen (11 Prozent).
Die meisten Schnittblumen werden in Supermärkten und Discountern gekauft. Der Mengenanteil lag zuletzt bei etwa zwei Dritteln, der Rest entfällt unter anderem auf Blumenläden, Gartencenter und Tankstellen.
„Pestizid Bumerang“ der EU
Um viel Geld geht es allerdings auch für die Hersteller der Pflanzenschutzmittel. Denn einige der hier verbotenen Pestizide stammen von deutschen Unternehmen wie BASF, Bayer oder Alzchem. Laut einer Datenauswertung der Heinrich-Böll-Stiftung [boell.de] hat sich die Ausfuhrmenge von Pestiziden, die in der EU keine Genehmigung mehr haben, in den vergangenen Jahren deutlich erhöht; europaweit sind es inzwischen rund 122.000 Tonnen jährlich, aus Deutschland waren es demnach 50.000 Tonnen.
Einer der wichtigsten Stoffe: Netiram, ein Fungizid, das als fortpflanzungsschädigend gilt und in großen Mengen produziert wird.
Die Folgen würden vor allem Arbeiterinnen auf Blumenfarmen tragen, sagt Hölzel. Häufig handle es sich um Frauen, die zudem ohne ausreichende Schutzkleidung arbeiten würden, etwa weil sie sich diese selbst leisten müssten. Gleichzeitig gelangen Rückstände der eingesetzten Mittel über die Produkte zurück nach Europa. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat das Prinzip als „Pestizid Bumerang“ bezeichnet.
111 Wirkstoffe auf den Handschuhen von Florist:innen
Eine Studie aus Österreich etwa untersuchte im Jahr 2024 insgesamt 16 Muttertagssträuße aus Blumenläden und Supermärkten. Auf ihnen fanden sie 32 unterschiedliche Pestizide. Die meisten davon können der Studie zufolge „schwerwiegende gesundheitsschädliche Auswirkungen“ haben, „von krebserregend bis zu fortpflanzungsstörend“.
2016 wiesen Forschende aus Belgien in Rosensträußen aus Blumenläden und Supermärkten insgesamt 97 verschiedene Wirkstoffe nach, im Schnitt etwa 14 pro Strauß, am häufigsten Fungizide. In einer Folgestudie ein Jahr später untersuchten sie Handschuhe von Floristinnen und Floristen, die diese über mehrere Tage hinweg bei der Arbeit getragen hatten. Das Ergebnis fiel noch deutlicher aus: Auf den Handschuhen fanden sich sogar 111 unterschiedliche Wirkstoffe.
Bundesamt sieht geringes Risiko – bei ausreichendem Schutz
Wie gefährlich sind die Pestizide an Schnittblumen? Darüber herrschen unterschiedliche Auffassungen.
Für Floristinnen und Floristen bedeutet das laut BUND ein Gesundheitsrisiko. Wer beruflich langjährig und häufig mit Pestiziden in Kontakt gekommen ist, hat Studien zufolge unter anderem ein höheres Risiko für Parkinson. Die mit Bewegungsstörungen verbundene neurodegenerative Erkrankung ist daher in Deutschland als Berufskrankheit anerkannt – bei Floristen ebenso wie bei Landwirten, Gärtnern und Winzern.
Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) kommt nach Auswertung der Studiendaten hingegen zu der Einschätzung, „dass von den in Deutschland gehandelten Schnittblumen gesundheitliche Beeinträchtigungen für Verbraucherinnen und Verbraucher nicht zu erwarten sind“. Gleiches gelte für Personal im Blumenhandel. Ein Überschreiten der akzeptablen Expositionsniveaus kann laut BfR sehr wahrscheinlich durch Schutzhandschuhe und Händewaschen vermieden werden. Die Gefährdung von Floristinnen und Floristen sei nicht gleichzusetzen mit der Situation auf dem Feld oder im Gewächshaus.